Unsere Meinung

Tegel: Wird die Markthalle bleiben?

Unterschriftenlisten für den Erhalt der Markthalle lagen aus und wurden eifrig gefüllt. Angeblich ist die Markthalle in Tegel gesichert. Wirklich? Die Reinickendorfer Allgemeine Zeitung stimmte ihre Leser schon mal ein: Wer das eine will, muss das andere mögen. Sprich: Wer sich über die geplante Sanierung des Tegel-Centers freut, muss auch höhere Preise oder ein höherpreisiges Angebot in Kauf nehmen. Es könne nicht alles bleiben, wie es ist. Die ersten Standbetreiber in der Markthalle haben zum Jahresende gekündigt, weil sie über einen kurzfristigen Mietvertrag verfügen, andere können es nicht, müssen die höheren Mieten zahlen. Glücklich, wer wegen eines langfristigen Vertrages eine Abfindung erhält. In der Passage stehen bereits mehrere Geschäftsräume leer. Auch zur Grußdorfstraße hin sollen gewerbliche Mieter ausgezogen sein. Was wie ein normaler Wechsel erscheinen könnte, ist vorgezogener und beschleunigter Strukturwandel.

Der Investor Harald Huth, so scheu er sich der Öffentlichkeit gegenüber gibt, ist bekannt für seine Strategie: Große Ketten wie H & M und Media-Markt müssen her, das mittlere und obere Preissegment muss bedient werden, kleine Händler interessieren ihn nicht. Entsprechend sehen seine Malls aus. Wird die Mall of Tegel sich davon abheben? Nein, sie kann es nicht. Eine Mall soll satten Gewinn abwerfen, damit sich internationale Anleger dafür interessieren.

So groß in Tegel die Freude über die geplante Sanierung des Tegel-Centers ist, so groß der Jubel über den ersten Karstadt-Neubau seit dreißig Jahren – und das in Tegel! – so nachdenklich muss man werden, wenn man sich die mögliche Entwicklung nüchtern ansieht. Das Huth-Imperium ist zu besichtigen: Gropius-Passagen, die größte Mall Berlins, die Mall of Berlin am Leipziger Platz, die zweitgrößte, und das „Schloss“ in Steglitz; noch im Bau: das Schultheiß-Center in Moabit, geplant: die Mall of Ku-Damm. 1994 beim Start der Gropius-Passagen schossen die Mieten von 50 auf 140 Mark pro Quadratmeter.

Hinzu kommt: Die Verkaufsfläche in der neuen Mall of Tegel soll größer werden als in den Hallen am Borsigturm. Es wird eine gnadenlose Konkurrenz werden. Noch steigen auch in den Hallen die Mieten. Wittstock hat aufgegeben, Strauß Innovation ist nach zweiter Insolvenz ausgezogen.

Und was wird aus der Berliner Straße, der Hauptverkehrsstraße Tegels und Einkaufsstraße? Sie könnte von zusätzlicher Laufkundschaft profitieren, wenn …, ja wenn die Hausbesitzer nicht big Harald nacheifern und ebenfalls fett Kasse machen wollen. Denn nur bei relativ niedrigen Mieten werden die Einzelhändler auf der Berliner Straße der Konkurrenz durch die Mall nebenan standhalten.

Aber wo soll das Geld für zwei Malls in Tegel herkommen? Sicher, mit den neuen relativ hochpreisigen Eigentumswohnungen am S-Bahnhof und am Hafen ist zahlungskräftige Kundschaft nach Tegel gezogen; ihnen ein Angebot zu unterbreiten, bietet sich an.

Ich möchte allerdings wetten, dass sie und die eingesessenen betuchten Tegeler keine zwei Malls werden füttern können – auch nicht die gelegentlichen Passagiere der Flusskreuzfahrtschiffe und Pendler aus dem Umland. Bei letzteren allenfalls auf Kosten beispielsweise des Einkaufszentrums in Hennigsdorf, das dann gänzlich zu veröden droht.

Nie und nimmer werden Händler von Spreewaldgurken, von Gewürzen und Eiern, geschweige denn der Verleiher von Groschenromanen die Rendite internationaler Anleger bedienen können. Das Schicksal der Markthalle in ihrer historischen und jetzigen Form ist besiegelt. Besuchen Sie die Markthalle, so lange sie noch steht!

Meinhard Schröder

20.10.16

 

Kleinhaussiedlung am Steinberg: Klatsche fürs Bezirksamt

Sie ist fast untergegangen, die kleine Meldung in der Abendschau über ein Gerichtsurteil mit großer Bedeutung für Tegel.

Das Landgericht hat die Klage des Investors der Kleinhaussiedlung am Steinberg gegen einen Mieter abgewiesen. Wenn dieses Urteil Bestand hat, kann der Mieter aufatmen. Er sollte – wie die anderen Mieter der Siedlung auch – nach einer Luxussanierung horrende Mietsteigerungen hinnehmen. Andere hielten den Druck nicht aus und zogen fort. Die durch ein Wahlkampfplakat legendär gewordenen „Oma Anni“ ist inzwischen verstorben.

1919, ein halbes Jahr nach dem Ersten Weltkrieg, beschloss die Gemeinde Tegel, mit der Kleinhaussiedlung am Steinberg einfache, aber preisgünstige Wohnungen für Invaliden und Bedürftige zu schaffen – zu einer Zeit, als eigentlich kein Geld fürs Bauen vorhanden war und große Wohnungsnot herrschte. Gegen Ende des Jahrhunderts ließ die kommunale Eigentümerin die Siedlung herunterkommen. Als der Immobilienboom in Berlin losbrach, sah ein Investor hier eine versteckte Goldgrube und bediente sich. Aber er hatte nicht mit dem zähen und langwierigen Kampf der Mieter gerechnet. Jahrelange Verzögerungen brachten seine schönen Renditeerwartungen durcheinander.

Immer noch findet täglich die Demonstration der verbliebenen Mieter vor Ort statt. Seit fast 1.000 Tagen – unter regelmäßiger Kontrolle von Polizei und Ordnungsamt! David gegen Goliath?

Kleinhaussiedlung am Steinberg, 9.4.17, Foto: M. Schröder

Das Gericht hat schlicht eine Tatsache in Erinnerung gerufen und zur Grundlage seiner Entscheidung gemacht: Der beim Verkauf der Siedlung vereinbarte Mieterschutz gilt auch nach dem Weiterverkauf. Es ist eine große Erleichterung für alle Mieter zu wissen, dass nicht immer der mit dem dicksten Geldbeutel und einer teuren Anwaltskanzlei durchkommt.

Und was hat das mit dem Bezirksamt zu tun?

Der ehemalige Baustadtrat Lambert (CDU) tat alles, um den Investor zufriedenzustellen. Es schien eine direkte Leitung gegeben zu haben, als der Investor buchstäblich über Nacht von einer abgesagten Demonstration der Mieter erfuhr und sofort mit Kaufinteressenten anrückte. Ja, Herr Lambert wurde sogar von der Polizei gestoppt, als er im Interesse des Investors vor Ort gegen die Mieter vorgehen wollte. Wenn der Investor Denkmalschutz (Wintergärten) und Naturschutz (Fällung eines geschützten Baumes) ignorierte, sah das Bezirksamt großzügig darüber hinweg. Gilt für ihn das Gesetz nicht, weil das Bezirksamt ihn nicht belangen will? Die Mieter hingegen wurden vom Bezirksbürgermeister als „Sozialschmarotzer“ beschimpft, weil sie ihren Wohnraum nicht freiwillig für junge (sprich: zahlungskräftige) Familien räumen wollten. Aber warum musste Herr Lambert seinen Posten räumen? Plagten ihn Gewissensbisse? Oder war er Bürgermeister Balzer nicht hart genug?

Am 16.12.2016 sagte Herr Balzer plötzlich das von seiner Vorgängerin Frau Wanjura eingeführte Turmblasen zu Sylvester vor dem Rathaus ab – angeblich wegen Personalproblemen. Oder waren es die Plakate der Kleinhaussiedler, denen er keine öffentlichkeitswirksame Bühne verschaffen wollte? So dünnhäutig, Herr Bürgermeister?

Die Mieter der Kleinhaussiedlung nahmen die Absage nicht hin: Innerhalb von drei Tagen mobilisierten sie zu einem alternativen Turmblasen vor der Dorfkirche Wittenau – sie zogen von Tür zu Tür, um persönlich einzuladen. Ein voller Erfolg – es kamen rund 750 Menschen, die sich diese Tradition vom Bürgermeister nicht nehmen lassen wollten. Und so konnte das Anliegen der Mieter erst recht breiter bekannt gemacht werden. Allerdings hüllte sich die Presse über diesen Erfolg in Schweigen. Nur von der Absage erfuhren die Leserinnen des „Tagesspiegels“ und der „Berliner Woche“. Verschämt schrieb Herr Appenzeller im Tagesspiegel über ein mögliches Turmblasen vor der Dorfkirche, verschwieg aber die Veranstalter. Und die Reinickendorfer Allgemeine Zeitung, durfte sie nicht über die Blamage des Bezirksbürgermeisters berichten?

Es wird höchste Zeit, dass sich die Bezirksverordneten erneut mit dem Fall befassen. Sie sollten sich nach dem ergangenen Urteil vorbehaltlos auf die Seite der Mieter der Steinberg-Siedlung stellen.

Meinhard Schröder

27.04.17

 

Adieu Tristesse

Zur den Plänen für das neue Tegel-Center

Es gehört zu den liebenswerten Eigenschaften des Menschen, dass er sich gerne in  Gewohnheiten einrichtet. Sein  Stamm-Café sucht er immer wieder auf, weil ihm der Kuchen vorzüglich schmeckt. Mit der Dame am Gemüsestand auf dem Wochenmarkt hält er gerne ein Schwätzchen, weil es  das Herz erwärmt. Solche Heimatgefühle entwickelt der Mensch auch gegenüber seinem Wohnumfeld, wozu auch die Läden gehören, in denen er regelmäßig einkauft. Deshalb kann man gut nachempfinden, dass viele Menschen von der Information beunruhigt waren, die Fußgängerzone in der Gorkistraße und das Tegel-Center würden vom neuen Investor gründlich umgekrempelt. Man sorgte sich vor allem um den Fortbestand der Markthalle. In ihr bieten Stände unterschiedlichste  Waren feil: von Feinkost-Delikatessen über Küchenkräuter bis zum Groschenroman. Viele Stände laden auch zum Verweilen ein, indem sie Speis und Trank anbieten. Kurzum: Die Markthalle ist ein äußerst beliebter Treffpunkt der Tegeler.  Die ausgelegten Unterschriftenlisten, in die  man sich zum Erhalt der Markhalle eintragen konnte,   wurden deshalb  rege ausgefüllt und ergaben zum Schluss die stolze Zahl von 11.000 Unterschriften.

Betrachtet man das Konzept, das der Investor Huth auf der Diskussionsveranstaltung in der Humboldt-Bibliothek Tegel vorstellte, sollte man die bisher gehegten Bedenken hintanstellen und dem neuen Einkaufstempel mit freudiger Erwartung entgegen sehen. Das alte Tegel-Center gehört fürwahr nicht zu den Glanzstücken der Stadtarchitektur. Auch schon zur Zeit seiner Entstehung, 1972, galten die Betonfassaden als einfallslos und uninspiriert. Vor allem nahmen sie die Formsprache der schönen alten Häuser  in der Straße, die den Krieg überlebt haben,  nicht auf. Ein in sich stimmiges, harmonisches  Stadt-Ensemble konnte so nicht entstehen.  Der Zahn der Zeit tat ein Übriges. Heute sind die Gebäude, die zum Center gehören, hässlich und abstoßend.

Ein großer Pluspunkt des neuen Konzepts ist die Vision von der lebendigen  Fußgängerzone. Keine weiteres uniformes Einkaufscenter soll entstehen, sondern ein Ensemble von kleinen Geschäften, die die etwas gammelig gewordene Fußgängerzone aufwerten und beleben. In Berlin gibt es hässliche Fußgängerzonen, wie etwa die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, aber auch schöne, die zum Verweilen einladen, wie die Altstadt von Spandau. An letzterer sollte sich die Sanierung der Gorkistraße orientieren. Erfreulich finde ich die Ankündigung, dass die Fassade des neuen Centers aus hochwertigen Materialien (Naturstein und Glas) gestaltet werden soll. Edle Bausubstanz und eine ästhetische Anmutung von Gebäuden sind „Werte an sich“, die sich nicht rechtfertigen müssen, solange sie nicht vom Steuerzahler finanziert werden.  Die Bauherren früherer Epochen wussten um den optischen Reiz der Stadt-Ensembles. Ohne ihr Stilgefühl würde es z.B. die schönen Plätze in Sienna und Florenz nicht geben, auch nicht den Gendarmenmarkt.

Bei der Diskussion mit dem Investor wurde von Bürgern  bezweifelt, ob Tegel neben dem Einkaufszentrum in den Borsighallen noch ein zweites, in der Verkaufsfläche erheblich ausgeweitetes Einkaufsareal in der Gorkistraße  verkraften könne. Die in einem Kiez verfügbare Kaufkraft könne man schließlich nur einmal ausgeben. Diese Argumentation ist zu kurzsichtig, weil sie das enorme Entwicklungspotential nicht  in Rechnung stellt, das Tegel verkörpert. In Tegel und an seinem Rand wurden in den letzten Jahren neue Quartiere gebaut, die die Einwohnerzahl kräftig erhöht haben. Weitere Bauprojekte sind in Planung. Wenn die Umwidmung des Flughafens Tegel abgeschlossen sein wird, kann man die dort angesiedelten Bewohner auch  als potentielle Kunden der Tegeler Einkaufsmeilen betrachten. Man darf auch nicht vergessen, dass Tegel ein wichtiges  Scharnier zwischen dem Speckgürtel Berlins im Norden und Nordosten und der City darstellt. Viele Pendler aus dem Brandenburger Umland steigen in Tegel in die U- und S-Bahn, um die Innenstadt zu erreichen. Auch sie stellen potentielle Kunden dar.

In der Diskussion über die Neugestaltung des Tegel-Centers schwingt  immer  ein kritischer Unterton mit, der sich aus den Vorbehalten gegen die Aufwertung von Stadtquartieren speist. Der Fachbegriff der Stadtsoziologen heißt Gentrifizierung. Er ist zumeist negativ besetzt – zu Unrecht. Wenn Menschen mehr verdienen, als sie für die  Befriedigung ihrer unmittelbaren Existenzsicherung (Essen, Kleidung, Wohnen) benötigen, entwickeln sie Bedürfnisse, die auch postmaterielle Werte einschließen. Sie wollen ein ästhetisches Wohnumfeld zum genussvollen Flanieren, sie schätzen  edle Geschäfte zum Einkaufen und hochwertige Restaurants und Cafés zum Verweilen. Eine solche  Aufwertung eines Stadtteils kommt allen Anwohnern zugute, weil die Kaufkraft steigt und die dadurch  generierten  Steuereinnahmen  auch für soziale Zwecke ausgegeben werden können. Im Übrigen ist es Aufgabe der Politik, durch gesetzliche Vorgaben und durch sozialen Wohnungsbau dafür zu sorgen, dass ärmere Menschen nicht aus den hochwertigeren Quartieren verdrängt werden. Verhindern sollte man die Verschönerung eines Stadtteils nicht. Wer die Wohnquartiere im Osten Berlins nach der Wende gesehen hat, kann sich heute nur über die gelungene Restaurierung ganzer Stadteile freuen.

Von dem österreichischen Ökonomen  Joseph Schumpeter stammt die Formulierung von der „schöpferischen Zerstörung“, die eine funktionierende Marktwirtschaft auszeichne. Einfach ausgedrückt heißt das: Auf das verbrauchte Alte folgt stets  das verbesserte Neue.

In diesem Sinne sollten wir dem  neuen Tegel-Center mit freudiger Erwartung entgegensehen.

 

Rainer Werner,  März 2017

 

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