Geschichte Tegels

  1. Seepavillon TegelZeitzeugen-Interview mit Barbara Johns
  2. Opa Richard und Onkel Ernst in der Markthalle von TegelZeitzeugenbericht Evelyn Aland
  3. Die Geschichte Tegels im Spiegel seiner ChronistenZwischen Germanenmythos, vergifteter Heimattümelei und Geschichtsschreibung

Seepavillon Tegel

 Zeitzeugen-Interview mit Barbara Johns

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M. Schröder: Frau Johns, das Ausflugslokal und Hotel Seepavillon hieß vor 1918 Kaiserpavillon und galt als gehobenes Etablissement, in dem auch hochherrschaftliche Kreise verkehrten – mit entsprechenden Preisen; es sollte sich deutlich von den anderen Ausflugslokalen abheben. Schon im Ersten Weltkrieg diente es als Lazarett, im Zweiten sicherten sich die Eigentümer eine hohe Pacht durch Unterbringung von Zwangsarbeitern. Als Ihr Vater Edmund Huth 1952 den Seepavillon pachtete, konnte er da bereits wieder an die Tradition des Ausflugslokals anknüpfen?

B. Johns: Nein. Vor 1952 hatten die Schlossbesitzer den Seepavillon an den „Verband der Polizeiangehörigen Groß-Berlins“ verpachtet. Diese betrieb hier ein Erholungsheim für Polizisten.

M. S.: Der Seepavillon verfügte über eine eigene Anlegestelle. Wie wichtig waren die Dampferausflüge für die Gaststätte?

B. Johns: Man kannte den Seepavillon als Ausflugslokal mit eigener Anlegestelle, das war sehr wichtig, jedenfalls bis 1958, bevor die U-Bahn bis Tegel fuhr. Ganze Ladungen von Gästen kamen per Dampfer zum Kaffeetrinken, so auch zu den Hausfrauen-Nachmittagen am Donnerstag. Die Kreis- und Sternschifffahrt und die Reederei Haupt (heute Bethke) legten bei uns an. Die Reederei Haupt hatte ihren Sitz auf der auch vom Schloss gepachteten Insel Hasselwerder. Meine Eltern waren sogar mit Haupts privat befreundet.
M. S.: Welche Voraussetzungen brachte Ihr Vater als Pächter mit?

B. Johns: Mein Vater hatte nicht in der Gastronomie gelernt, sondern Bäcker und Konditor, war also nicht ganz berufsfremd und konnte die hauseigenen Torten selbst herstellen. Meine Mutter, Irma Huth, stieg ebenfalls voll in den Betrieb ein; sie bereitete die Unterlagen und die Belege für den Revisor vor, also für einen Buchprüfer. Dabei kam ihr zugute, dass sie als pingelig galt und es auch war. Außerdem arbeitete sie in der Küche und in der gesonderten Kaffeeküche mit.

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Mein Vater betätigte sich sogar handwerklich: Er baute Ständer für die äußere Terrasse zur Seeseite hin, über die dann Markisen gezogen wurden. Die Abnahme durch einen Herrn vom Bauamt erfolgte nach einigen Bieren problemlos.

M. S.: Wenn man an die höfische Vergangenheit des Kaiserpavillons denkt, vermutet man, dass hier gewöhnliche Familien nicht Kaffee kochen durften.

B. Johns: Doch, die Devise „Der alte Brauch wird nicht gebrochen: hier können Familien Kaffee kochen“ galt auch bei meinen Eltern, zumindest in den ersten Jahren. So konnten auch Menschen mit schmalem Geldbeutel einen Ausflug ins Grüne unternehmen. Sie brachten ihren Kaffee mit und erstanden für wenig Geld heißes Wasser zum Aufbrühen. Meine Eltern führten den Seepavillon nicht als Edel-Restaurant, sondern als gutbürgerliches, mit mittlerem Preisniveau. Bei besonderen Veranstaltungen mussten die Gäste eben Eintritt zahlen, das wurde nicht auf den Preis der Getränke umgelegt.

M. S.: Worum handelte es sich bei diesen „besonderen Veranstaltungen“?

B. Johns: Der VfL Tegel führte unter seinem Vorsitzenden, dem Schneidermeister Schwanke seine Jahresfeste bei uns durch. Auch die Gabriele-von-Bülow-Schule kam mit ihren Schulbällen zu uns. Das fand ich doof, weil die Klassenkameradinnen dann sehen konnten, wie ich lebte. Einige waren neidisch auf mich – auch Lehrer, ich befürchtete, dass das nicht gut für mich sein könnte. Andere fragten, ob ich die Essensreste der Gäste nehmen dürfte, vom Schnitzel oder so. Ja, so arm waren damals manche Kinder, sie hatten zum Teil nur ein Paar Schuhe. Es war mir immer peinlich, dass es meinen Eltern finanziell besser ging als den meisten, die ich kannte. Super peinlich fand ich, dass mich meine Eltern wegen Schiurlaubs vom Unterricht abmeldeten. Aber ich hatte auch Freundinnen, bei denen Neid keine Rolle spielte. Am Donnerstagnachmittag spielte Otto Kermbach mit seiner Kapelle immer zur Kaffeestunde auf. Otto Kermbach genoss schon in der Weimarer Republik einen bedeutenden Ruf und brachte vor dem Krieg mehrere Schallplatten heraus, zuletzt „Licht aus – Messer raus!“ (Rheinländer),  nach dem Krieg noch das „Astra Rheinländer Potpourri“. Er war es, der seit 1923 den „Sportpalastwalzer“ beim Sechstagerennen populär gemacht hatte. Er wurde merkwürdigerweise Otto-Otto genannt.

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Als Conférencier betätigte sich bei den Kaffeestunden Joachim Krüger. Bei Wettbewerben oder Fragespielen auf der Bühne mit Gästen – vorwiegend älteren Damen – hat er die Leute ziemlich übel veräppelt. Ich empfand das als gemein. Mich selbst – ich war etwa 12 oder 13 Jahre alt und trug eine doofe dicke Nickelbrille – fragte er, was ich liebsten äße. Meine Antwort: Trockene Schrippen. Darauf erwiderte er vor versammelter Mannschaft: So siehst du auch aus. Besonders gutversorgte Witwen besuchten diese Kaffeestunden, es herrschte ja ein Männermangel nach dem Krieg. Auch sonst traten Größen des Unterhaltungsgeschäfts bei uns auf: Ingeborg von Streletzky, die durch ihr körperbetontes Geigenspiel auffiel; dann die Schauspielerinnen Olga Tschechowa, Edith Schollwer und Brigitte Mira – die beiden letzteren kannte man besonders von ihren Rollen im Radiokabarett „Der Insulaner“, eine im Kalten Krieg bei West-Berlinern sehr populäre Durchhaltesendung; und schließlich der Volkssänger Fredy Sieg, der hatte schon in den Zwanzigerjahren einen Ruf, große Erfolge feierte er mit dem „Lied von der Krummen Lanke“ und „Hochzeit bei Zickenschulze aus Bernau“, sowie als Kabarettist. Aber besonders stolz waren meine Eltern darauf, dass das Pfingstkonzert im Seepavillon vom RIAS übertragen wurde, erst später auch aus dem Zoo.

M. S.: Was zeichnete die Pfingstkonzerte aus?

B. Johns: Sie begannen am Pfingstsonntag und -montag schon um 5.00 Uhr. Am Tag vor dem Frühkonzert, also am Pfingstsonnabend herrschte immer Stress, weil das Wetter schön sein musste, schließlich besaß der große Garten mit den 2.500 Sitzplätzen kein Dach.

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In einem Jahr deuteten die Vorhersage, der Himmel und alles darauf hin, dass es am anderen Tag regnen würde. Mein Vater, Herr Kermbach mit Anhang und unser Bierzapfer an der Theke im Garten haben sich ziemlich beschluckt – vorauseilender Kummer wegen schlechter Geschäfte! Am Pfingstsonntag strahlte die Sonne, herrliches Ausflugswetter. Der Chef, ein Angestellter und der Herr Kapellmeister hatten größte Mühe, den Tag zu überstehen – und das ab 5 Uhr früh! Meine Mutter und ihre Assistentin waren sauer.
Tja, und an einem anderen Pfingstsonntag habe ich am Ausschank für Berliner Weiße mitgearbeitet und bin mit zwei Flaschen in der Hand hingefallen. Das Blut floss, aber keiner hatte Zeit für mich, sodass meine Tante mich verarzten musste. Armes Kind – na ja. Übrigens erfreuten sich die Frühkonzerte so großer Beliebtheit, dass sich Leute ein Ruderboot mieteten, um vom See aus zuzuhören. Oder auch nebenan vom Ruderclub aus, um das Eintrittsgeld zu sparen.

M. S.: Wie haben Sie das Erscheinungsbild des Seepavillons in Erinnerung, und hat Ihr Vater es geändert?

B. Johns: Als Vater den Seepavillon übernahm, gab es den Uferweg nicht mehr. Der Garten zum Speisen und Trinken mit etlichen Sonnenschirmen erstreckte sich also vom Haus bis zum Ufer. Hier fanden 2.500 Gäste Platz, innen konnten noch einmal 500 bewirtet werden. Das Ufer war mit Steinen befestigt. Auf alten Fotos erkennt man eine unbefestigte Böschung mit Schilf am Rande in Richtung Sechserbrücke. Das Schilf auf der anderen Seite der Anlegebrücke sehe ich heute noch vor mir, es gehörte zur Liegewiese, die den Hotelgästen vorbehalten war. Am Ende der Saison besserte mein Vater die Uferbefestigung aus. An eine wichtige Veränderung erinnere ich mich, an die überdachte Terrasse. Es gab ja schon innerhalb des Gebäudes eine Veranda, direkt zum See hin; man betrat sie gleich hinter der Eingangstür. In der Mitte ging es im rechten Winkel in den großen Saal. Mein Vater baute also außen noch eine Terrasse davor, die sich über das Gebäude hinaus in nördlicher Richtung erstreckte; ein großes Schild „See-Pavillon“ mit dem Schultheiß-Emblem zierte diese Terrasse, die ja eigentlich nur einen Sonnen- und Regenschutz bot.

M. S.: Wie haben Sie Ihre Kindheit und beginnende Jugend mitten im Hotel- und Gaststättenbetrieb erlebt?

B. Johns: Vom Hotelbetrieb habe ich nicht viel mitbekommen. Dort wohnten auch Monteure für längere Zeit, zum Beispiel von Borsig. Einer ließ sich mit einer Hotelangestellten ein. Die eifersüchtige Ehefrau schickte einen erzürnten Brief, als ihr die Sache zugetragen wurde. Meine Eltern hatten wirklich wenig Zeit für mich und erzogen mich sehr streng, na ja, das war damals so üblich. Wenn ich im Sommer aus der Schule kam, erhielt ich manchmal kein Essen. Ich empfand das nicht als besonders schlimm, weil ich sowieso kein Fleisch mochte – dann gab es eben Brot mit Käse. Aber Eis gehörte zu meinen Leckerbissen. So schlich ich mich in die Kaffeeküche, die auch zuständig für Kuchen und Eis war. Dort steckte mir eine Verbündete hinter dem Rücken meiner Eltern Eis zu! Das tröstete mich über das fehlende Essen hinweg. Auch den Streuseln auf den von meinem Vater fabrizierten Kuchen und Torten konnte ich nicht widerstehen. Obwohl ich dachte, sie ganz geschickt entfernt zu haben, wurde der „Diebstahl“ bemerkt.  Das ging dann nicht mehr lustig aus.

M. S.: Warum gab Ihr Vater 1962 auf – wegen eines schleichenden Niedergangs oder eines abrupten Absturzes?

B. Johns: Der Seepavillon war dank der ansprechenden Unterhaltung sehr beliebt und erfuhr regen Zuspruch. So kamen selbst große Betriebe, wie die AEG, zu uns und richteten regelrechte Massenveranstaltungen für die Betriebsangehörigen aus, verteilt auf zwei Wochenende. Genau genommen organisierte es der Betriebsrat. Ich fand das abstoßend, wenn der Betriebsrat sich bei den Vorbesprechungen üppig bewirten ließ. Erst mit dem Mauerbau setzte der Niedergang ein. Die Gastronomiebetriebe bekamen keine billigen Arbeitskräfte für die Küche und zum Putzen mehr, vorher hatten das Frauen aus Ost-Berlin für eine Mark pro Stunde erledigt. Jetzt mussten die Gastronomen mehr Geld für diese einfachen Tätigkeiten zahlen. Und dann sagten die Großbetriebe ihre Feiern ab, aus Solidarität mit den Brüdern und Schwestern, wie es hieß, das gesparte Geld sollte gespendet werden. Dieser Niedergang nach dem Mauerbau betraf auch die anderen großen Lokale, wie das Tusculum und das Strandschloss. 1962 gab mein Vater auf, Johann Kampmüller wurde sein Nachfolger. Schließlich ließ der Schlossbesitzer den Seepavillon 1976 abreißen und an der gleichen Stelle hohe Wohnhäuser errichten. Die Bäume, die zwischen den Häusern und dem Seeufer stehen, hat mein Vater gepflanzt.

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